Selbstverständlich ist das Journalismus – und zumindest in dieser Folge von Berndts Podcast-Reihe „Ungescripted“, der seit Wochen in Deutschland rauf und runter diskutiert wird, gar kein schlechter. Der Mann hat zwar kein Volontariat absolviert, er war Unternehmer. Aber indem seine Fragen präzise sind und erkennbar einem Plan folgen, zeigt er, dass er vom Interview-Handwerk etwas versteht. Die Dauer spricht nicht gegen ihn; stundenlange Podcasts gibt es reichlich, in Deutschland und anderswo. Und seit jeher gibt es für Interviews mit kontroversen Personen zwei verschiedene Konzepte: in die Zange nehmen oder reden lassen. Keines ist per se besser oder schlechter. Es kommt auf den Fall an.
Wer einen AfD-Politiker zu einem konkreten Sachverhalt befragt, etwa zur Verwandtenaffäre der Partei, der muss hart nachbohren. Wer im Fernsehen nur fünf Minuten hat, der muss den Redefluss des Gegenübers unterbrechen; egal ob es sich um Cem Özdemir oder Björn Höcke handelt. Wer das Interview aber als eine Art Porträt des Gesprächspartners anlegt, der darf Raum geben – und darauf vertrauen, dass einer wie Höcke mehr liefert, als er mitunter wollte.
Detlef Esslinger, sueddeutsche.de, 15.05.2026 (online)

