Zitiert: Die Konjunktur von Feuilleton-Debatten

Die Scheck-Kontroverse ist nichts, was „das GANZE Land“ so interessieren würde wie etwa die Senkung der Mineralölsteuer um 17 Cent. Aber sie erregt seit Tagen das GANZE Feuilleton fast so sehr, wie der Wal in der Ostsee das GANZE Netz beschäftigt hat. (Disclaimer: Wenn hier die Rede von „dem“ Feuilleton ist, sind die Feuilletons der immer noch gelegentlich so genannten Leitmedien gemeint, aber auch andere feuilletonistische Erscheinungen in Netz, Film und Funk.) Das Feuilleton als solches hat die bewundernswerte Eigenschaft, in relativ kurzen Abständen immer wieder eigene Walstrandungen zu finden oder zu erfinden. Die Walereignisse der Feuilletons beginnen oft damit, dass einer oder eine aus der Kulturindustrie in einem Feuilleton einen anderen oder eine andere aus der Kulturindustrie (einer von Adornos Lieblingsbegriffen) scharf kritisiert, mehr oder weniger maßvoll beleidigt und ihn (manchmal auch sie) eines der vielen existierenden Ismen zeiht. Danach hagelt es Kommentare, Interviews und grundsätzliche Analysen. „Gastautoren“ von außerhalb der Redaktionen – Schauspieler, Schriftstellerinnen, Dramatiker, Intellektuelle – verleihen der jeweiligen Walstrandung, pardon the pun, Tiefgang.

Ja, diesen Mechanismus gibt es grundsätzlich auch in der Politik. Nirgendwo anders als im Feuilleton aber gehört zum Mechanismus der Kritik dieses Maß an persönlicher Fehde, an ironischer Herabwürdigung (etwa auch in diesem Text?), an der Verflechtung eines Werks mit tatsächlichen oder angeblichen Charaktereigenschaften seines Hervorbringers oder seiner Hervorbringerin, an der Lust, die – ach, was für ein Wort – „Feuilletondebatte“ immer weiter zu treiben. Merke: Eine Feuilletondebatte geht nur zu Ende, wenn eine neue Feuilletondebatte beginnt. Die Feuilletondebatte funktioniert nach einem Prinzip, dem Ingenieure im nichtfeuilletonistischen Bereich des Lebens seit sehr vielen Jahren eifrig hinterherforschen: Sie gewinnt Energie aus sich selbst.

Kurt Kister, sueddeutsche.de, 16.04.2026 (online)

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)