Das ist das Paradoxon der deutschen Zustände: Damit die Menschen zuversichtlicher werden, müssten sie mit dem, was sie haben, weniger zufrieden sein. Und damit die Unzufriedenen nicht ihr Heil in der gefälschten und völlig irrealen Vergangenheit der Rechtsextremen suchen, braucht es Hinweise, Bilder, Geschichten, die die Möglichkeit einer besseren Zukunft schon erahnen lassen. Es ist sicher nicht das Kerngeschäft des Journalismus, Visionen zu haben. Aber mehr Neugier, ein freierer Blick, eine größere geistige Unabhängigkeit von den Vorgaben, Sprachregelungen und Prioritätenlisten des politischen Betriebes wären hilfreich. Und gute Laune kann auch nicht schaden.
Denn das ist dann doch das Kerngeschäft des Journalismus: das Neue zu sehen, zu erkennen und zu beschreiben. Womöglich mit Wohlwollen, weil es in den versteinerten deutschen Verhältnissen das Neue dringend braucht.
Claudius Seidl, sueddeutsche.de, 31.07.2026 (online)

