Wir leben in einer Zeit der Fehlervermeidung. Ein Zugzwang, der auch das Kino erfasst. Das Qualitätskino, dem junge Filmemacher vor sechzig Jahren einmal opponieren wollten, ist zurückgekehrt als Exzellenz-Kino: erlesen, aufwändig, verantwortungsbewusst und absolut kompromissbereit. Staatliche Fördergremien exorzieren alles Zufällige, Unbeherrschte aus ihren Produktionen. Bevor die erste Klappe fällt, wird der Stoff über Jahre zerredet, bis alle Eminenzen am Tisch zufrieden sind: Filme wie Gruppenarbeiten aus dem Leistungskurs, in denen es um historische Katastrophen, Kriege, psychische Erkrankungen oder emsige Helden der Zivilgesellschaft geht.
Auch die kommerziellen Studios sind von Kopf bis Fuß auf Feedback eingestellt. Noch vor Drehstart eruiert man Stimmungsbilder und Änderungswünsche der Konsumenten. Und schreckt selbst vor Zugeständnissen an die chinesische Kulturpolitik nicht zurück, um seine Chancen auf dem dortigen Markt nicht zu verspielen. Das gegenwärtige Kino der richtigen, schlimmer noch, der besten Absichten ist so real wie falsch.
Daniel Moersener, faz.net, 03.07.2026 (online)

