Dass man als Abgeordneter permanent fremdbestimmt ist. Vorher habe ich selbstständig geforscht, Anträge gestellt, Bücher geschrieben. Jetzt bin ich reaktiv und muss auf Anfragen oder die Nachrichtenlage reagieren. Dazu kommt, dass man permanent irgendwo sitzt und anderen zuhören muss. Es gibt ja nicht nur Bundestags-, sondern auch Fraktions- und Ausschusssitzungen. Und ja, oft ist das interessant, es gibt aber auch Themen, von denen ich keine Ahnung habe, und andere, vor allem gesundheitspolitische Themen, in denen ich mich wirklich auskenne, aber nichts sagen darf. Und dann sitzt du da und denkst: Mein Gott, was reden die da? […]
Mich ernüchtert, dass nicht alle die Ernsthaftigkeit unserer Lage erkannt haben. Vor einem halben Jahr war ich überzeugt, dass wir mit guter Regierungsarbeit das Ruder herumreißen und die AfD wieder kleinkriegen können, aber wenn wichtige Reformen blockiert werden, wenn manche nur stur ihre ideologische Parteipolitik durchziehen, bin ich mir da nicht mehr so sicher. […]
Es ist ein großes Problem, dass viele nicht mehr die womöglich gute Intention des politischen Gegners sehen, sondern automatisch davon ausgehen, dass er es schlecht meint. Als Wissenschaftler, der weiß, dass es die eine Wahrheit nicht unbedingt gibt, ist mir politisches Lagerdenken ein Graus. Politik sollte nicht zu emotional, sondern evidenzbasiert und unideologisch sein.
Hendrik Streeck, sueddeutsche.de, 26.02.2026 (online)

