Zitiert: KI verändert den Journalismus, indem sie sein Arbeitsumfeld umbaut

Inzwischen hat uns die Wirklichkeit überholt. Der Einsatz von KI ist in vielen großen Redaktionen selbstverständlich geworden – und Teil einer ökonomischen Verschlankungslogik, die in manchen Medienhäusern noch immer unterschätzt wird. Der professionelle Wandel vollzieht sich längst überall dort, wo KI unterstützt: beim Formulieren, Verdichten, Ordnen, Prüfen, Recherchieren. Nicht der große Knall markiert den Wendepunkt, sondern die schleichende Verschiebung von Verantwortung.

Das zeigt auch die Panne beim Der Spiegel im Herbst 2025, als in einer Meldung zur Abberufung der Bahn-Managerin Sigrid Nikutta ein Bearbeitungsvermerk von ChatGPT versehentlich unter dem Artikel stehenblieb („Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe…”). Der Spott in der Branche war unüberhörbar. Doch er verfehlte den Kern, war die Recherche doch solide. Die Panne entstand vielmehr im Herstellungsprozess am Balken, in der Nachtschicht. Und genau darin liegt ihre eigentliche Bedeutung: KI besetzt inzwischen jene Zwischenräume, in denen aus Recherchen Veröffentlichungen werden.

Wer heute über KI im Journalismus spricht, bezieht sich meist auf Tools, Leitlinien oder Einzelfehler. Tatsächlich werden erleben wir eine vollständige Neuordnung redaktioneller Arbeit. KI passt sich an, denkt mit. Sie verändert, wie Recherche organisiert und verantwortet wird. Sie verwandelt die Redaktion in einen zunehmend automatisierten Maschinenraum, in dem immer schwerer auszumachen ist, wo das journalistische Urteilsvermögen noch sitzt. Was heute als Assistenz oder Automatisierung erscheint, ist bei näherem Hinsehen ein Vorrücken in professionelle Zuständigkeiten.

Letztlich geht es um Machtfragen: Wer entscheidet, wie KI eingesetzt wird? Wer trägt Verantwortung für ihre Ergebnisse? Wer verliert im Zweifel seinen Platz in der Redaktion? […]

Das ist der eigentliche Einschnitt. KI verändert den Journalismus, indem sie sein Arbeitsumfeld umbaut – Schritt für Schritt. Erst wird das Formulieren erleichtert, dann das Prüfen beschleunigt, dann die Recherche vorstrukturiert, schließlich verschieben sich professionelle Zuständigkeiten in Richtung Maschine. Was dabei verloren zu gehen droht, ist nicht nur handwerkliche Sorgfaltspflicht; es ist die menschliche Letztverantwortung.

Stephan Weichert, blog.medientage.de, 05.05.2026 (online)

Onlinefilm.org

Zitat der Woche
Gut zur Entgiftung des öffentlichen Diskurses wäre es, auch in den Beiträgen jener, die anders denken als man selbst, die klügsten Gedanken zu suchen, nicht die dümmsten. Man läuft natürlich dann Gefahr, am Ende nicht mehr uneingeschränkt Recht, sondern einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben.   Klaus Raab, MDR-Altpapier, 25.05.2020, (online)    
Out of Space
Auf seinem YouTube-Kanal „Ryan ToysReview“ testet der kleine Amerikaner Ryan seit März 2015 allerhand Spielzeug. Die Beschreibung des erfolgreichen Channels ist simpel: „Rezensionen für Kinderspiele von einem Kind! Folge Ryan dabei, wie er Spielzeug und Kinderspielzeug testet.“ Ryan hat 17 Millionen Abonnenten und verdient 22 Millionen Dollar im Jahr. Berliner Zeitung, 04.12.2018 (online)