Wenn man sie nachträglich ändert, fehlt die Verankerung, die man zu ihrem Verständnis zwingend braucht – auch zum Verständnis ihrer Untiefen. Noch wichtiger ist aber das folgende Argument: Leid lässt sich nicht revidieren, indem man alle Spuren des Leids tilgt. Das gilt für die ‚normale‘ Geschichte genauso wie für die Filmgeschichte.
Es gibt diverse andere Beispiele, in denen Schauspielerinnen lange unter Dreharbeiten gelitten haben. Maria Schneider sagte, sie habe sich ‚vergewaltigt gefühlt‘ durch eine nicht mit ihr abgesprochene Sexszene in ‚Der letzte Tango in Paris‘ (1972). Léa Seydoux sagte, sie habe sich am Set von ‚Blau ist eine warme Farbe‘ (2013) wie ‚eine Prostituierte‘ gefühlt, als die vielen Sexszenen gedreht wurden. Der Regisseur Abdellatif Kechiche habe sie manipuliert, es sei ‚schrecklich‘ gewesen.
Das sind zwei Beispiele aus zwei verschiedenen Epochen. Die Liste ließe sich – leider – lange fortsetzen. Sie zeigt aber auch, dass man, wenn man einmal mit dem nachträglichen Umschneiden anfängt, nie an ein Ende kommen würde. Diese Filme sind nicht nur Kunstwerke, sondern auch Dokumente des Fehlverhaltens ihrer Regisseure. Und das sollte man nicht unvergessen machen, indem man es herausschneidet, als sei nix gewesen. Wer das fordert, redet einer seltsamen Vermischung der Welten das Wort. Denn es macht einen großen Unterschied, was vor der Kamera passiert, und was dahinter.
Vor der Kamera kann und soll man viel zeigen, auch Schockierendes, Aufwühlendes, Perverses, moralisch Fragwürdiges; wenn das nicht mehr ginge, wäre das Kino als Kunstform tot. Als gute Regisseurin, als guter Regisseur ist man allerdings dazu verpflichtet, das Geschehen vor der Kamera so hinzubekommen, dass hinter der Kamera niemand leidet.“
David Steinitz, sueddeutsche.de, 02.06.2026 (online)

