In den sozialen Medien werden Lektüre-Empfehlungen oft mit dem Prädikat „lesenswert“ versehen. Die einfachste Form dessen: Sie reposten einen Artikel aus dem Internet und kommentieren darüber „Lesenswerter Text“. Vielleicht zitieren Sie noch einen Powersatz daraus, vielleicht steigern Sie die Empfehlung zu „Absolut lesenswert!“ oder sehen darin gar ein „Must Read“ und drohen anderen direkt mit der Pflicht zur Lektüre.
Ich habe mich schon immer gefragt, was damit gemeint sein soll. Was wäre denn ein nicht lesenswerter Text? Was ist unwertes Lesen? Wenn es nur darum geht, einen „guten“ Text zu loben, so bleibt mindestens die sprachkritische Irritation, warum einem dafür eine so hohle ideologische Formel auf den Lippen liegt. Sie bedeutet ja genau genommen: Der Text erzeugt Mehrwert, das Investment der Leseleistung lohnt sich.
Mit solchem Effizienzdenken ließe sich in den vielen Debatten über den Einsatz der Künstlichen Intelligenz in Wissenschaft und Journalismus fragen, ob sich Lesen überhaupt lohnt.
Alex Struwe, nd-aktuell.de, 02.07.2026 (online)

