Forschende stellen trotz Kritik an Unterhaltungssendungen insgesamt ein positives Zeugnis aus. Allerdings brauche es mehr Beteiligung, inklusivere Newsrooms und mehr Barrierefreiheit
Nicht über Menschen, sondern mit ihnen reden – das sollte bei der Berichterstattung zum Thema Armut als Leitlinie gelten, erklärte der Kommunikationsforscher Andreas Schulz-Tomancok im APA-Gespräch. Er war jüngst an einer Studie zu dieser Thematik im ORF-Programm beteiligt. Dort wird demnach zwar deutlich sachlicher berichtet als bei Privatsendern, trotzdem gibt es auch im öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsangebot vereinfachte Darstellungen von Armutsbetroffenen. […]
„Gerade im Unterhaltungsbereich findet aber auch im ORF eine sehr klassistische Erzählung über Armut statt“, sagte Schulz-Tomancok weiter. Das heißt, dass Armut als individuelles Schicksal dargestellt wird, während strukturelle Ursachen wie etwa steigende Wohnkosten, prekäre Beschäftigung oder ungleiche Bildungschancen nicht thematisiert werden. „Es ist wichtig, eine geteilte Verwundbarkeit zu zeigen, denn Armut kann den Großteil der Bevölkerung treffen“, ergänzte der Forscher. […]
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk befinde sich generell in einer Legitimationskrise. Ein Mittel dagegen könnten Redaktionen sein, die so divers aufgebaut sind wie die österreichische Bevölkerung – auch im Hinblick auf Armut, erklärte Schulz-Tomancok. Aber: „Partizipation tut weh – vor allem, wenn man es demokratisch anlegt. Da muss sich schon etwas Grundlegendes am Mindset ändern“, sagte er.
Dazu zählt etwa eine bessere Einbindung von Betroffenen in die journalistische Arbeit. Diese werden häufig nicht als Interviewpartner auf Augenhöhe behandelt – anders als etwa Personen aus Wissenschaft und Politik. „Dabei haben sie eine Expertise in ihrer Lebenswelt, die durch die meisten Redaktionen nicht abgedeckt werden kann“, so Schulz-Tomancok.
APA, derstandard.at, 24.07.2026 (online)

