Heute sind nicht mehr die Journalistinnen und Journalisten die Gatekeeper der Nachrichtenwelt; sie sind auch nicht mehr meinungsführend, selbst wenn die Mainstreammedien sich selbst als Meinungsführer präsentieren. Wenn er unterginge, würden „die Menschen den Journalismus nicht vermissen“, sagte kürzlich die Chefredakteurin der dänischen Newszeitung Zetland, Lea Korsgaard. Das mag übertrieben sein, zumal es „die“ Menschen als homogener Block in den komplex strukturierten Gesellschaften nicht gibt. Doch richtig ist, dass die meinungsführenden Medien die Breite der Gesellschaft nicht mehr erreichen; sie werden von einem wachsenden Anteil der Bevölkerung als realitätsfremd und elitär empfunden. […]
Wir sehen daran: Die von der Pressefreiheit repräsentierte Power, die der informationellen Selbstaufklärung der Gesellschaft dienen soll, verblasst mehr und mehr. Im Gegenzug gewinnt die Macht der öffentlichen Meinungsmacher an Stärke […]
Es ist also nicht die Pressefreiheit, die bedroht erscheint. Einem Erosionsprozess ausgesetzt ist vielmehr das Wissen darüber, wie demokratische Meinungsbildungsprozesse zustande kommen. Ich sehe eine wachsende Inkompetenz, die dem suggestiv inszenierten Konsumismus wie auch der populistisch verpackten Propaganda zu öffentlicher Wirkung verhilft. […]
Am Horizont des Internethimmels ist ein Hoffnungsschimmer zu erkennen, quasi eine zarte Morgenröte der regulativen Vernunft. Diese zeigt sich in dem in Brüssel beschlossenen Digital Services Act (DSA), der seit 2024 in allen Mitgliedstaaten für alle Online-Dienste rechtsverbindlich ist.
Michael Haller, philomag.de, 01.06.2026 (online)

