Wie nahe sind sich die Aussteller, die im Primärmarkt über den Zugang zu Kunstliebhabern entscheiden? Welche Kunstformen sind unterrepräsentiert – oder gibt es sogar ein Marktversagen, dass bestimmten Künstler:innen bzw. Kunstformen den Zugang zur kaufkräftigen Zielgruppe verweigert?
Die semantische Analyse hat hier eine wirtschaftsanalytische Relevanz. Nach einer Studie der Art Basel in Zusammenarbeit mit der UBS generieren 11 Prozent der Künstler:innen 58 Prozent also mehr als die Hälfte der Galerieverkäufe – eine extreme Konzentration auf wenige wirtschaftliche Anker. Wie man Fehlentscheidungen vermeiden kann, ist eine Überlebensfrage.
Damit in Zusammenhang steht eine fehlende Differenzierung. Die Mehrzahl der Galerien bietet eine nahezu identische Value Proposition. 30 Prozent arbeiten mit Verlust bei einer Durchschnittsmarge von 6,5 Prozent. Traditionelle Kommunikationswerkzeuge erreichen die nächste Sammlergeneration nicht. […]
Der Kulturjournalismus lebt von der individuellen Perspektive, dem Atelierbesuch, dem Gespräch, der subjektiven Einordnung. Semantische Analyse ersetzt nichts davon. Aber sie liefert etwas, das der individuelle Blick strukturell nicht leisten kann.
Sie macht systemische Muster sichtbar. Welche Diskurse dominieren den Markt? Welche werden strukturell ausgeschlossen? Welche semantischen Räume deckt keine Galerie ab? Das sind journalistisch relevante Fragen, die sich ohne Daten nur anekdotisch beantworten lassen.
Solche Fragen sind vor allem dann zu beantworten, wenn man die Profile aller Aussteller einer Messe aggregiert. Dann erhält man unter anderem auch die „semantische DNA“ einer Messe wie der Art Basel. Vertritt sie bestimmte Richtungen stärker als andere Marktplätze? Verschieben sich ihre Schwerpunkte über die Jahre und, wenn ja, in welche Richtung?
Eine Journalistin, die vor einer Messe mit 280 Galerien steht, könnte beispielsweise suchen: „Zeige mir Galerien mit forensischer Ästhetik und postkolonialem Diskurs.“ So findet sie Peter Kilchmann, statt am Messestand vorbeizulaufen. Und sie kann Narrative validieren: Wenn eine Kritikerin oder ein Kritiker schreibt, eine Galerie habe sich thematisch verschoben, wäre es mit diesem Aggregat möglich, diese Behauptung über Zeitreihen zu überprüfen. Die interaktive Visualisierung, die das Projekt begleitet, macht diese Zusammenhänge auch für technisch nicht versierte Personen visuell greifbar und navigierbar.
Steffen Konrath, dfjv.de, 12.08.2026 (online)

