Für das filmische Erzählen gibt es eine elementare Regel, die bei allen Drehbuchlektoraten sofort auftaucht: „Show, don’t tell“. Sachverhalte sollen nicht benannt, sondern gezeigt werden. Viele Festivalfilme haben dieses Prinzip in den vergangenen dreißig Jahren ins Extreme gesteigert und rätselhafte Erzählungen mit vielen Leerstellen präsentiert, bei denen man sich oft das Entscheidende hinzudenken musste. Bei den Streamern oder auch im deutschen Fernsehalltag hingegen gilt längst das Gegenteil: „Show and tell“ – einem Publikum, das man sich als konstitutiv zerstreut denkt, muss alles mehrfach vorgesetzt werden.
Der entscheidende Punkt an der Regel aber wird gerade an DEFA-Filmen auf eine sehr interessante Weise deutlich: Jede Erzählung führt etwas Implizites mit, und auf dieser Ebene erst entsteht das Künstlerische. Bei den DEFA-Filmen ist das Implizite einerseits, dass sie immer auf das große Ganze des Aufbaus des Sozialismus bezogen sind, dass sie aber konkret eigene Vorstellungen vom Sozialismus haben oder auch von dessen Alternativen. Sie sind also immer schon stärker oder zumindest ausdrücklicher diskursiv als das Kino der „freien“ Welt.
In den geläufigen Logiken auch der Filmkritik gilt das als Schwäche, und tatsächlich gibt es ja auch plane, didaktische, bevormundende Filme der DEFA. Aber in den vielen großen Filmen aus den Achtzigerjahren, von „Märkische Forschungen“ bis „Solo Sunny“, geht es im Impliziten um die auch für das heutige Deutschland entscheidende Frage: Wie findet eine Gesellschaft die Grenzen ihrer Freiheit, ohne darüber als ganze unfrei zu werden?
Bert Rebhandl, faz.net, 26.07.2026 (online)

