KI kann Lesen erleichtern. Doch die Forschung des Psycholinguisten Falk Huettig zeigt: Denken entsteht gerade dort, wo Texte anstrengend werden. […] Lesen ist weit mehr als Informationsaufnahme. Es trainiert Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und Denkvermögen. […]
Entscheidend ist für den Erforscher der kognitiven Dimensionen des Lesens nicht, dass wir lesen, sondern wie. Gerade anspruchsvolle Texte mit verschachtelten Sätzen, ungewohntem Wortschatz und komplexen Argumenten fordern das Gehirn heraus.
Wer sie liest, muss Zusammenhänge im Kopf behalten, Bedeutungen erschließen und Gedankengänge rekonstruieren. Genau darin liegt der Trainingseffekt. Schwierige Texte sind kein Fehler des Bildungssystems, sondern dessen Trainingsgerät.
Deshalb sieht Huettig auch Vorschläge skeptisch, klassische Literatur in vereinfachter Sprache anzubieten. Das sei möglicherweise gut gemeint – aber womöglich auch kontraproduktiv. Denn Lernen entsteht nicht dort, wo jede Hürde verschwindet, sondern dort, wo sie überwunden werden muss.
Thomas Pany, Telepolis, 28.07.2026 (online)

