Wenn wir mal aufhören würden, Verstehen mit Legitimieren gleichzusetzen, dann könnten wir über die Probleme viel sachlicher reden. Nur weil man versucht, die Beweggründe von AfD-Wählern zu verstehen, heißt es ja nicht, dass man irgendetwas entschuldigen oder verharmlosen will. Selbstverständlich gibt es rechtsradikale Gesinnung in der AfD und in ihrer Wählerschaft. Aber wenn man daraus ableitet, dass alle AfD-Wähler einfach Neonazis sind, dann ignoriert man die anderen Gründe, die zum Wahlverhalten führen. Das ist – neben sozioökonomischen Problemen und dem schwindenden Gerechtigkeitsgefühl – auch die manifeste Krise von männlichem Rollenverhalten, mit der wir es zu tun haben. Und wenn wir diese Probleme ignorieren, werden wir auch in Zukunft keine Politik hinkriegen, die das Land wieder mehr zusammenführt.
Juli Zeh, sueddeutsche.de, 25.06.2026 (online)

