Zitiert: Bekanntheit relevanter Akteure

Politikerinnen und Politiker sind die idealen Talkshow- und Podcast-Gäste, denn sie kommen gratis und sagen meistens zu. Da alle immer auf Sendung sind, werden sie auch zu solchen Fragen interviewt, die gar nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Etwas ist da sehr unfair: Wenn die Wirtschaft, in Deutschland besonders die Autobranche, boomt und hohe Gewinne macht, feiern sich deren Chefs gerne. Wenn’s andersherum läuft, wie jetzt gerade, werden sie arg scheu: Bärbel Bas’ Gesicht kennt jeder, aber wer würde Ola Källenius auf der Straße erkennen, den Mann, der den deutschen Weltkonzern Mercedes in eine existenzielle Krise manövrierte, nicht zuletzt durch seine völlig wirre Modell- und Preispolitik?

In der Politik sind derlei Privilegien aus Luxuseinkommen und moderater Öffentlichkeit undenkbar. Hier hat man Rede und Antwort zu stehen, 24 Stunden lang, die Sprecher der Politiker arbeiten in Schichten für Bedrohungen und Anfragen aller Art, etwa auf die Frage, wie es um die deutsche Wirtschaft und die deutsche Automobilbranche steht. Die mediale Dauerpräsenz macht aus Politikern dabei so etwas wie Stars, obwohl das nicht nötig und dem Beruf nicht zuträglich ist. Betrachtet man die Rangliste der Länder, deren Bürgerinnen und Bürger sich als glücklich bezeichnen, findet man immer wieder die Schweiz, Norwegen, Finnland und viele andere Nationen, die in politischer und medialer Hinsicht eines gemeinsam haben: Ihre Spitzenpolitiker sind außerhalb ihres Wirkungskreises oft wenig bekannt. Die mächtigen Leute aus Finnland, Norwegen und der Schweiz könnten gemeinsam Bus fahren in Berlin, kein anderer Fahrgast würde hinschauen. Offenbar liegt ein gewisser Segen darin, wenn Amtsträger ihren Job machen können wie alle anderen auch: in Ruhe und unter jenen Bedingungen, unter denen alle anderen auch ihr Leben leben.

Nils Minkmar, sueddeutsche.de, 12.10.2026 (online)