Die neue Logik der Sendeleitung schimmert nun auch beim Deutschlandfunk durch. Neben Aktualität, Originalität und Erklärungsbedarf nennt das Deutschlandfunk-Stylebook ausdrücklich „breites öffentliches Interesse (Reichweite/Viralität)“, Debattenwert und bundesweite Relevanz.
Noch deutlicher wird der neue Anspruch bei den Kulturmeldungen. Die Redaktion soll sich fragen: „Für wen ist die Nachricht eine Nachricht? Nur für uns oder eine bestimmte Branche? Das reicht nicht!“
Genau hier verändert sich der Kulturjournalismus. Denn sein Wert bestand bislang auch darin, dass Fachredaktionen Dinge für wichtig halten konnten, die außerhalb ihrer Kunst zunächst kaum jemanden interessierten. Eine Personalentscheidung an einem Opernhaus, eine ästhetische Entwicklung im Musiktheater oder eine Uraufführung müssen weder viral sein noch eine gesellschaftliche Debatte auslösen, um kulturell relevant zu sein.
Die Beispielplanungen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezeigt wurden, belegen diese Verschiebung. Da geht es um Fast Fashion, TikTok, Taylor Swift, Fußball und das »Wir-Gefühl«, Ernährungs-Influencer oder Triggerwarnungen. Das sind legitime Themen. Aber je mehr Raum ein derart weit gefasster Kulturbegriff beansprucht, desto weniger bleibt für Literatur, Theater, bildende Kunst – und klassische Musik.
Axel Brüggemann, 06.10.2026 (online)
