Zitiert: Die KI und die „Auslöschung der Menschheit“

Klar, die Chefs der beiden großen KI-Firmen waren sich vor dem UN-Sicherheitsrat darin einig, dass der technologische Wettlauf Gefahren „für die gesamte Menschheit“ birgt, wenn er unkontrolliert verläuft, und Elon Musk stimmt ihnen zu. Aber zwischen einer Technologie, die bei unkontrolliertem Wachstum für alle Menschen gefährlich werden kann, und einer, die eine Menschheitsgefährdung darstellt, besteht ein feiner semantischer Unterschied, der doch entscheidend ist. Vielleicht haben die KI-Bosse geahnt, dass ihre Botschaft eher banal ist – und sich bewusst in einer Weise ausgedrückt, die Raum für Missverständnisse schafft, aber Aufmerksamkeit garantiert?

Eine sich in alle Lebensbereiche ausbreitende KI kann vielen (und potenziell jedem) Menschen Nachteile einbringen, ja, Gefahr bedeuten. Eine Menschheitsbedrohung ist sie nicht. Das wild gewordene Lieferfahrzeug kann erst mal jeden überfahren. Aber dann doch nicht alle. Und Terroristen konnten bereits ohne KI Anschläge mit Biowaffen planen, (während Sicherheitsbehörden sie auch ohne Einsatz von KI zu vereiteln wussten).

Insofern ist KI nur eines von vielen Phänomenen, denen apokalyptisches Potenzial nachgesagt wird, welches sich aber früher oder später verflüchtigt. Jeder arme Irre kann die Auslöschung der Menschheit planen, und vielleicht wird so mancher, der schon längst mit dem Maschinengewehr ins nächste Einkaufszentrum losgezogen wäre, davon abgehalten, weil er am Computer seine Planspiele dank KI immer mehr vervollkommnen kann – und darob nie zur Tat schreitet. Wir werden nie erfahren, wie viele Menschenleben dank KI dadurch gerettet wurden.

Thomas Brussig, sueddeutsche.de, 03.11.2026 (online)