Welche Seite moralisch empört ist und welche über Ungeschick klagt, hängt nicht vom Satz ab. Es hängt davon ab, welches Publikum bedient werden will. Das hat weniger mit Gesinnung zu tun als mit Geschäft. Im digitalen Medienmarkt zählen Klicks und Abonnements, und beides bekommt man am zuverlässigsten, wenn man den Lesern gibt, was sie ohnehin bereits denken. Wer sein Publikum bestätigt, am besten noch mit emotionaler Verstärkung, verkauft Abos. Wer die Meinungen der Leser irritiert, riskiert Kündigungen. Skandalisierung ist in dieser Logik kein Ausrutscher, sondern eine betriebswirtschaftlich vernünftige Entscheidung.
Das Publikum spielt bisher bereitwillig mit. Die Zahlen für gekaufte digitale Medienformate und Nachrichtenangebote als Paid Content sind nicht einfach nur stabil – sie wachsen. Es entsteht ein Kreislauf: Ein zersplittertes Publikum verlangt zugespitzte Inhalte. Die Zuspitzung verhärtet die Lager. Die Lager meiden einander noch konsequenter, und die Medien spezialisieren sich noch enger.
Immo von Fallois, berliner-zeitung.de, 02.10.2026 (online)

